Armenien: Lottospielen mal ganz anders

Armenien: Lottospielen mal ganz anders, Mai 2010

Armenien: Lottospielen mal ganz anders

Auf den üppigen Blumenmärkten der armenischen Hauptstadt Jerewan haben die Käufer eine riesige Auswahl. Nur eines bekommen sie hier nicht: nämlich Kassenzettel oder Quittungen. Der Grund: Wer ordentliche Kassenzettel ausstellt, muss auf die verkaufte Ware auch Steuern zahlen. Das haben sich die armenischen Händler lange erspart.

Noch bis vor kurzem gab es die Bons nicht einmal in regulären Läden. Den Kunden war’s egal. Doch das hat sich jetzt plötzlich geändert. Seit einigen Monaten lassen sich Kunden auch auf kleine Einkäufe Kassenzettel ausstellen. Für sie eine ganz neue Erfahrung.

Die achtstellige Nummer auf den Zetteln ist der Grund für die neue Sammelleidenschaft. Denn die Kassenbons haben in Armenien eine eigene Fernsehshow bekommen.

Kassenzettel ist der Tipschein

Jeder Kassenzettel kann mit seiner Nummer an einer Lottosendung teilnehmen, die in den Studios des staatlichen Fernsehens vorbereitet wird. Die Show ist ein voller Erfolg. Organisiert wird sie vom Finanzamt. Für Moderator Levon Harutyunyan ist es heute die erste Sendung. Er weiß, wie wichtig den Armeniern die Ziehung geworden ist.

Mit einer großen Werbekampagne will die staatliche Finanzbehörde noch mehr Kassen unter die Händler bringen. Verkauft werden die Kassengeräte für rund 100 Euro pro Stück.

Schließlich haben alle Kassenzettel fortlaufende Nummern. Somit bekommt die Finanzbehörde dank der Kassen eine lückenlose Kontrolle über die anfallenden Steuern. Die Händler selbst sind von den neuen Kassen allerdings nicht begeistert. Die Steuern würden sie ruinieren, klagen sie. Avarah Datyan hatte einen CD-Laden. Jetzt bringt er seine Kassenrollen zurück – sein Laden sei pleite, auch wegen der hohen Steuer, sagt er. Tatsächlich geht es den Einzelhändlern in Jerewan nicht gut. In manchen Läden spielen die Verkäufer Karten, weil die Kunden ausbleiben. Selbst am belebten Goldmarkt herrscht schlechte Stimmung unter den Händlern: Hohe Standgebühren, hohe Einkaufspreise und Kunden, die immer mehr aufs Geld schauen. Jetzt auch noch Steuern zahlen, das ist den meisten zu viel.

Gerechtere Steuern für alle

Der Vizedirektor des Goldmarktes sieht das allerdings anders: Seit Einführung der Kassengeräte müssen die Händler nämlich nur einen bestimmten Prozentsatz vom Gewinn als Steuer zahlen. Vorher waren es pauschal 30 Euro im Monat. Gerade kleine Händler würden von der Neuregelung also profitieren.

Die Kunden jedenfalls mögen das neue Quittungssystem. Am Abend beginnt die große Lottoshow. Zu gewinnen gibt es für europäische Verhältnisse wenig – zwischen umgerechnet zehn und 2.500 Euro. Dafür kann schon gewinnen, wer drei Zahlen in der richtigen Reihenfolge auf seinem Kassenbon hat. Nana verfolgt die Show aufmerksam – vier Wochen lang hat sie ihre Einkaufsbelege gesammelt. Doch noch während die Show läuft, steht fest, wer der eigentliche Gewinner ist – das armenische Finanzamt. Der Chef der Steuerbehörde ist persönlich in der Sendung anwesend. Er will mit der Aktion Licht in die Schattenwirtschaft Armeniens bringen – bis jetzt mit Erfolg.

Mit Spaß an der Lottosteuer

Für ein Land mit nur drei Millionen Einwohnern ein großer Erfolg. Allerdings nimmt die Begeisterung der Zuschauer für die Show wieder ab. Auch Nana findet die Gewinnchancen zu gering für den ganzen Aufwand mit den Zetteln. Doch die findige Steuerbehörde hat schon die nächste Idee.

Bezahlt wird das ganze aus den Mehreinnahmen der Gewinnsteuer. Ob so die Kunden ihre Händler zwingen können, langfristig ehrliche Steuerzahler zu werden, ist noch offen. Klar ist nur: Nirgendwo macht eine Steuererhöhung derzeit mehr Spaß als in Armenien.

Die TV Reportage, Armenien: Lottospielen mal ganz anders, wurde von EichbergFilm für die ARD/MDR produziert.