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Die Musik zu „Song“

„Die Vorstellung begann mit … einer Ouvertüre … unter Scheinwerfern – dann ging der Film los“ (Paul Dessau1)

Alhambra im August 1928, Quelle: Landesarchiv Berlin

Alhambra im August 1928
Quelle: Landesarchiv Berlin

Als am 21. August 1928 die Uraufführung von „Song“ und zugleich die Neueröffnung des Alhambra als Erstaufführungskino gefeiert wird, steht am Dirigentenpult Paul Dessau (1894-1979). Auch für ihn stellt die Uraufführung in diesem – wie er es nannte – „vornehmen Laden am Kudamm“ eine Premiere dar. Denn dem 34-jährigen Dessau obliegt – nachdem er bereits als Theater- und Opernkapellmeister reüssiert und die Orchester der Ufa in Wiesbaden und des Phoebus-Palasts in Berlin geleitet hat – zum ersten Mal das Dirigat des Alhambra– Kammerorchesters: „alles glänzende Musiker“. Der Filmkritiker Hans Feld zeigt sich begeistert: „Musik in der Alhambra; endlich einmal Musik, modernste Musik in einem Kino. Paul Dessau, erfolgreicher Jungkomponist […] steht an einem wichtigen Posten. Von hier aus, von der Kurfürstendamm-Ecke, läßt sich das Musikproblem des Kinos von heute aufrollen.“

Paul Dessau um 1930, Quelle: Dessau Archiv, Akademie der Künste

Paul Dessau um 1930
Quelle: Dessau Archiv, Akademie der Künste

Was hatte Paul Dessau anders gemacht als die etablierten Uraufführungs-Kapellmeister, so dass ihm zugetraut wurde, die durch Einfallslosigkeit und mangelnde Bindung an die Filminhalte in die Kritik geratene Kinomusik zu modernisieren? Den Impuls dazu hatte seine Original-Komposition für Walt Disneys „Alice the Fire Fighter“ gegeben – der Realfilm mit Trickfilmelementen lief als Vorfilm von „Song“ –, die den Kritiker Feld begeisterte und für Dessau mit einem visionären Ziel verbunden war: „Der Gedanke, das Beiprogramm mit Originalmusik zu versehen, ist weder neu noch der meinige. Verwirklicht habe ich ihn aufgrund meiner Einstellung zur zeitgenössischen Musik, der ich, wie den zeitgenössischen Film und den ihn schaffenden und fördernden Menschen, naturgemäß nahestehe. Ich bin mir bewußt, daß ich auf diese Weise für das unweigerlich, unabänderlich Heutige begeistern kann, und den Weg betreten habe, der zur Erreichung des größeren Zieles notwendig ist: Der Original-Komposition des sogenannten Hauptfilms, des heutigen Films – mit heutiger Musik für unsere heutigen Menschen.“

Auch einen selbstkomponierten Brückenschlag zu „Song“ unternimmt Dessau: Er spendet, so Feld, „für den Hauptfilm eine Ouvertüre, halb Strauß, halb Verismo“. Anschließend wird „Song“ durch Dessau mit etwa 40 bis 50 Stücken aus seinem Archiv musikalisch illustriert: „Die Musik zu den Hauptfilmen wurde aus Musiken zusammengestellt, die jeweils zu den verschiedenen Szenen paßten. Dazu hatte ich wie jeder andere Kinokapellmeister eine große Bibliothek, die ich mir anschaffen mußte. Da hatte ich Hunderte und Tausende verschiedene Dinge gleich für meine Besetzung zusammen.“

Szene für Szene wird die Musikauswahl mit dem Orchester geprobt, um schließlich einige Stücke wieder herauszunehmen und um Übergänge zu schaffen: „Es mußte alles wie am Schnürchen gehen. Während der Aufführung mußte ich ständig zwei Ebenen verfolgen: die musikalische und die szenische“. Die Entscheidung, zunächst das Beiprogramm für musikalische Neuerungen zu nutzen und „Song“ mit Hilfe von Musikkartotheken2 zu begleiten, wird von Feld als gelungene Taktik Dessaus gewürdigt: „In Erkenntnis der Notwendigkeit, schrittweise vorgehen zu müssen, zeigt Dessau neben Neuem Altes, Bewährtes. Er untermalt einen Kulturfilm geschmackvoll zurückhaltend (…). Die Wirkungen des Films [gemeint ist „Song“; AK] unterstreicht er auch da, wo er im konventionellen bleibt. Am stärksten im Anfang. (…). Die Direktion der Alhambra hat mit der Wahl ihres Dirigenten anscheinend einen guten Griff getan. Der Applaus, den ihr Wagemut gefunden hat, ist der beste Beweis dafür, daß dem Publikum des Berliner Westens das Beste im Kino gerade recht ist.“

Vier Monate später begleitet Dessau einen weiteren Eichberg-Film am Dirigentenpult: „Rutschbahn. Schicksalskämpfe Einer Sechzehnjährigen“. Auch dieser Film feiert im Alhambra seine Uraufführung (am 20. Dezember 1928). Seinen Plan weiterverfolgend, fügt Dessau nun auch dem Hauptfilm eigene musikalische Schöpfungen hinzu: „Die Wirkung der Illustrationskunst Paul Dessaus wird hier in ihren Wurzeln aufgedeckt: Dessau folgt überall den glücklichen Einfällen des Regisseurs. Ganz besonders vertieft er sich in die menschlichen Konflikte, in die Seelenzustände, in die Zweispältigkeiten (sic!) des Herzens und verströmt an diese sein musikalisches Miterleben. So dringt die Musik, mag Dessau sie wo immer her nehmen, zu dem Gemüt des Zuschauers. Wo die Farben und die Melodien nicht zureichen, findet Dessau die angemessenen Mittel in der eigenen Komposition: zu denen ist das Cellomotiv mit den begleitenden Trommelschlägen zu rechnen, ein Einfall, der die Nerven mitschwingen läßt. Da alles in dieser Musik seelisch verknüpft ist, wirkt sie mit überwältigender Kraft.“

Mit weiteren Original-Kompositionen im regulären Beiprogramm, Sondervorstellungen von Kurzfilmen und großer Experimentierfreude bei der Gestaltung der Hauptfilme arbeitet Dessau vom Lichtspieltheater aus „an der Weiterentwicklung der musikalischen Bildung des Volkes“, bis der Komponist bald auch umfangreiche Filmmusiken für Langmetrage-Tonfilme schreibt: „Ich erinnere mich an die großen Bergfilme mit Fanck und Trenker. Das waren riesengroße Partituren. Alle sind in Amerika verlorengegangen, auch die ‚Montblanc- Musik’.“3 Damit markiert die Uraufführung von „Song“ jene Entwicklungsphase, in der sich die Kinomusik von ihrer illustrativen Funktion zu emanzipieren begann und zu einem konstitutiven Gestaltungselement der siebten Kunst wurde.

Bei der heutigen Wiederaufführung von „Song“ erfolgt die Begleitung zwar nicht durch ein 15-köpfiges Musikerensemble, doch sie liegt in den Händen der vielfach ausgezeichneten Organistin Anna Vavilkina. Die Künstlerin studierte am Moskauer Konservatorium Musikwissenschaft und Orgel sowie an den Musikhochschulen Lübeck und Detmold das Fach Kirchenmusik. In drei Gemeinden ist sie als Kirchenmusikerin und Leiterin der Kirchenchöre tätig. Um sich ihren Wunsch zu erfüllen, einmal Stummfilme zu begleiten, hat Anna Vavilkina zunächst in der Kirche geübt, für sich allein zu stummen Kurzfilmen zu improvisieren. Der erste Langfilm, an dem sie sich versucht hat, war „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1920, John S. Robertson). Im Sommer besucht Anna Vavilkina gern Spielstätten mit besonderen Orgeln und so war sie irgendwann auch ins Babylon gekommen, um die Multiplex Kinoorgel auszuprobieren, das einzige Exemplar der Firma Philipps, das noch existiert und sich an seinem Originalstandort befindet. Nur wenig später bekam die Organistin die Gelegenheit, zu „The Balloonatic“ (USA 1923, Buster Keaton, Edward F. Cline) zum ersten Mal im Babylon vor Publikum zu spielen. Es folgten „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“, (Deutschland 1927, Walter Ruttmann) und „Der Mann mit der Kamera“ (UdSSR 1929, Dsiga Wertow). Seitdem ist Anna Vavilkina regelmäßig an der Kinoorgel des Babylon zu erleben. Zur Vorbereitung ihrer musikalischen Begleitung schaut sich die Organistin zunächst den Film – soweit dieser digital zur Verfügung steht – mehre Male an. Bereits während der Sichtung werden Ideen für passende Stücke und eigene musikalische Themen notiert. In weiteren Proben werden die Melodien ausgebaut, jedoch lediglich einzelne Passagen auswendig gelernt: Eine Phase des Experimentierens, in der herausgefunden werden muss, was sich mit den ausgewählten Vorlagen und den eigenen Themen machen lässt und wo die Effekte der Kinoorgel eingesetzt werden können. Immer bestimmt dabei die Handlung die musikalische Form. Wenn, etwa bei der finalen Probe, mit der Philipps-Orgel Probleme auftreten, ist Hans-Joachim Eichberg zur Stelle. Der 1930 geborene Orgelbauer kümmert sich seit Jahren ehrenamtlich um das Instrument. Die gesamte Anlage wird von ihm bei Bedarf repariert, kontinuierlich überprüft und gestimmt. Für dieses Engagement wurde er 2008 von der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet. (Sein Name verweist im Übrigen auf eine tatsächlich bestehende verwandtschaftliche Beziehung zum Regisseur von „Song“, Richard Eichberg.) Während der Vorstellung verzichtet Anna Vavilkina gänzlich auf Noten und konzentriert sich ausschließlich auf die Leinwand. Die vorbereiteten musikalischen Motive dienen dann als Haltepunkte innerhalb einer kontinuierlichen Improvisation, die jede Vorstellung zu einer einzigartigen Performance werden lässt.

1 Paul Dessau über seine Tätigkeit als Kinokapellmeister im Alhambra am Kurfürstendamm. In: Paul Dessau. Aus Gesprächen. Erschienen anläßlich des 80. Geburtstages von Paul Dessau. Boeck, Dieter [u.a.] [Bearb.]. Leipzig: Deutscher Verl. für Musik, 1974. S. 127.

2 Sammlungen von „Piècen“ nach Szenen wie „Verfolgungsjagd“ oder „Liebesszene“ angeordnet.

3 Gemeint sind die Regisseure Arnold Fanck (1889-1974) und Luis Trenker (1892-1990).

Anna Luise Kiss

Quellen:
Bock, Hans-Michael/ Jacobsen, Wolfgang (Hrsg.) (1994): Paul Dessau. Eine Ausstellung in der Akademie der Künste, Berlin. (FilmMaterialien; 6). Hamburg [u.a.]: CineGraph Hamburg, CineGraph Babelsberg, Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin.
Hennenberg, Fritz (1965): Paul Dessau. Eine Biographie. Leipzig: Deutscher Verl. für Musik. Paul Dessau. Aus Gesprächen. Erschienen anläßlich des 80. Geburtstages von Paul Dessau. Boeck, Dieter [u.a.] [Bearb.]. Leipzig: Deutscher Verl. für Musik, 1974.