„Song. Die Liebe eines armen Menschenkindes“ / „Schmutziges Geld“

“Song” Schmutziges Geld, Quelle: "Filmmuseum Potsdam" (FMP)

“Song” Schmutziges Geld
Quelle: „Filmmuseum Potsdam“ (FMP)

Frei nach der Erzählung Schmutziges Geld von Karl Vollmoeller, verliebt sich in diesem
mitreißendem Melodrama das heimatlose Malayenmädchen Song (Anna May Wong) in den Matrosen Jack Houben (Heinrich George in einer frühen Paraderolle), bei dem sie Zuflucht findet, für ihn lebt und leidet: „Singapore – Hafenschenken mit Messerwerfern – Nachtlokal mit Ausstattungskünsten – im Eingang eine Messerstecherei zwischen Matrosen, zwischendurch der Tobsuchtsanfall eines blinden Messerwerfers, zuletzt ein Schwertertanz mit letalem Ausgang – das sind die Elemente, die Eichberg mit zielsicherem Blick und festem Zugriff zum Ganzen fügt.“

Die ungemeine Präzision, mit der Eichberg das Genremuster ausgestaltet, Momente zärtlicher Intimität ebenso intensiv zur Geltung bringt wie die emotionalen Wirkungen heftiger Dramatik, überzeugt noch heute und lässt „Song“ vielleicht sogar als seinen gelungensten Film überhaupt erscheinen.

Die Kritik über Eichbergs Wandlungsfähigkeit verblüfft: „Was sagt ihr nun zu unserem Richard Eichberg? Gestern noch der Barde heiterer Revuegirl-Geschicke, setzt er sich heute eine tragische Maske auf. Sie kleidet ihn so übel nicht, wenn er auch von Zeit zu Zeit listig hindurchlugt, als wollte er sagen: seht, ich kann auch ganz anders. (…) Diese Ballade von dem armen Malayenmädchen Song, das an Ihrer Liebe zu einem heruntergekommenen Artisten zugrunde geht (…) ist vielfach von seltener Poesie und seelischer Empfindungsstärke. (…) In Anna May Wong nun stand seinem ‚Song’ ein wunderbar klingendes Begleitinstrument zur Verfügung. Ein Instrument, das zu jauchzen und zu klagen weiß, das keinen falschen Ton kennt. Unvergleichlich die stille Art, die fast primitive, aber so unmissverständliche Mimik, mit der Anna May Wong einer ganzen Skala von Empfindungen Ausdruck verleiht. Etwa wenn das Kindergesichtchen der einsamen Song aufleuchtet, als man ihr freundlich begegnet, oder wenn ihr Herz sich krampft, als sie dem erblindeten Wegkameraden Komödie vorspielen muß. Geradezu herrlich der Schlußakkord: das letzte dankbare Aufleuchten ihrer Augen. Dieses Lächeln unter Tränen. Eine Sterbeszene, wie man sie in ihrer Schlichtheit und Natürlichkeit kaum ergreifender gesehen hat.“

Wie ein anderer Rezensent festhält, ändert Eichberg seinen Stil jedoch nicht radikal, sondern ist in der Lage, seine erprobten Ausdrucksmittel dem Stoff angemessen zu modulieren und so auf ein neues Niveau zu heben: „Wenn ein Meister der Publikumswirkung wie Richard Eichberg einen so schweren, psychologisch zerklüfteten Stoff anfaßt, darf man damit rechnen, daß er ihn in filmwirksame Formen umgießt. Und er hat dieses schwierige Problem kunstvoll gelöst. Der Film verläßt nicht eine Minute lang sein hohes Niveau, und er ist so mit inneren Spannungen, optischen Reizen, überraschenden Situationen angefüllt, daß man immer neu mitgerissen wird. Und Eichberg hat die spezifischen filmischen Einfälle mit solcher Diskretion in den Rahmen der menschlich ergreifenden Handlung eingebaut, daß sie sich zwanglos in das schwermütig-farbige Gebilde einfügen.“

Michael Wedel

Heinrich George und Anna May Wong (Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek)

Heinrich George und Anna May Wong
Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek