Heinrich George

Kaum ein Schauspieler in der deutschen Geschichte war so tief in die Widersprüchlichkeit seines künstlerischen und politischen Schaffens verstrickt wie Heinrich George. Sein Leben liest sich heute wie ein Buch, dessen Kapitel unterschiedlicher und gegensätzlicher nicht sein könnten. Die Bandbreite seines Schaffens – vom Theater der Provinz bis hin zu den großen Bühnen Berlins, vom Star des Weimarer Kinos hin zum Staatsschauspieler des NS-Kinos, bekannt in links-intellektuellen Künstlerkreisen der 1920er Jahre, später dann in höchsten NSKreisen – ist vielschichtig und aus heutiger Sicht schwer zu fassen.

Heinrich George wird am 9. Oktober 1893 als Georg August Friedrich Hermann Schulz in Stettin geboren. Der junge George bricht in Berlin sein Abitur ab und widmet sich dann zunehmend dem Theater. Ab 1912 hat er kleine Engagements in Kolberg, Bromberg und Neustrelitz. Nach schwerer Verwundung im Ersten Weltkrieg und kurzer Station am Dresdner Theater kommt George schließlich an die Frankfurter Bühnen und spielt in Stücken Carl Sternheims, Oskar Kokoschkas und Fritz von Unruhs. Schließlich etabliert er sich als Theaterschauspieler in Berlin: Er spielt an Max Reinhardts Deutschem Theater und später an Erwin Piscators Volksbühne. In kurzer Zeit wird er somit einer der großen Schauspieler in Deutschland.

Das Jahr 1921, in dem er in drei Filmen spielt, markiert den Eintritt Georges ins Filmleben: Sein erster Stummfilm ist „Der Roman der Christine von Herre“ in der Regie von Ludwig Berger, gefolgt von „Lady Hamilton“ (R: Richard Oswald) und „Kean“ (R: Rudolf Biebrach). Große Aufmerksamkeit bringt ihm seine Mitwirkung in Fritz Langs Monumentalfilm „Metropolis“, der 1927 uraufgeführt wird. Im Kino der Weimarer Republik avanciert Heinrich George zum großen Charakterdarsteller: Er spielt wuchtige Figuren, die ihre innere Zerrissenheit, ihre Zartheit durch Brutalität und Gewalt zu verdecken suchen. Beispielhaft hierfür stehen seine Rollen in Viktor Tourjanskys „Manolescu“ (1929) und als Franz Biberkopf in Phil Jutzis „Berlin – Alexanderplatz“ (1931).

Heinrich George und Anna May Wong Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Heinrich George und Anna May Wong
Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

In die Zeit des Weimarer Kinos fallen auch die drei Filme, die George unter der Regie Richard Eichbergs dreht. Die erste Zusammenarbeit erfolgt für den Film „Die Leibeigenen“ (1927), der den Untertitel „Ein ‚Ring’-Kampf in sechs Akten“ trägt. George spielt die Hauptfigur des Waldhüters Nikita, „eine gewaltige und zugleich um ihrer Herzenseinfalt willen rührende Erscheinung“, wie es Siegfried Kracauer beschreibt. In „Song. Die Liebe eines armen Menschenkindes“ (1928) spielt George den groben und starken Matrosen und Messerwerfer Jack, der durch die unglückliche Liebe zu seiner früheren Geliebten Gloria innerlich zu Grunde geht und durch seine Erblindung völlig hilflos wird. Erst zum Ende hin kann sich Jack wieder besinnen und mit ganzer Kraft handeln. Der dritte Eichberg-Film schließlich ist „Rutschbahn. Schicksalskämpfe einer Sechzehnjährigen“ (1928), in dem George einen berühmten Zirkus-Clown mimt.
Die Darstellungen Georges in den Filmen Eichbergs sind kraftvoll und gewaltig, voller Energie, die die Figuren zu überwältigen droht. Zugleich sind seine Figuren zerbrechlich und zart, voller innerer Zerwürfnisse und emotionaler Probleme, welche die sanfte Seele der Figuren mit brutalem Verhalten zu überspielen sucht. In „Song“ spielt George den starken Kerl, der die rüpelhaften Matrosen verdrischt, imposant die Messer auf die lebendige Zielscheibe wirft und an vorderster Front den Überfall auf die Eisenbahn anführt. Doch im Innern ist Jack eine verzweifelte und unsichere Gestalt, die hoffnungslos um die Liebe Glorias kämpft.
Die Theater- und Filmarbeit Georges in der Weimarer Republik setzt sich zum Entsetzen vieler seiner damaligen Künstlerkollegen auch mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten nahtlos fort. Viele der Schauspieler und Regisseure, mit denen George zusammenarbeitet, emigrieren ab 1933 – George hingegen bleibt im Land und arrangiert sich mit den neuen Machthabern. Er übernimmt Rollen in zahlreichen NS-Filmen, die nach 1945 von den Alliierten verboten werden: darunter so schwerwiegende Filme wie der Propagandastreifen „Hitlerjunge Quex“ (1933), der antisemitische Film „Jud Süß“ (1940) und der Durchhaltefilm „Kolberg“ (1943-45). Des Weiteren ruft George die deutsche Bevölkerung gegen Ende des Krieges zum Durchhalten auf, er selbst ist als „unverzichtbarer Künstler“ vom Kriegsdienst befreit. Dieses dunkle Kapitel stellt in Georges Leben einen unauflöslichen Widerspruch dar.

Andererseits besticht George auch im NS-Staat durch große Rollen wie in Gustav Ucickys „Der Postmeister“ (1940). Nachdem George 1938 die Intendanz des Berliner Schiller- Theaters übernimmt, unterstützt und engagiert er auch jüdische und kommunistische Künstler, die durch seinen Einfluss Schutz und Arbeit finden.

Am 26. September 1946 stirbt George nach 15 Monaten in sowjetischer Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen. Die Reaktionen auf seinen Tod fallen sehr unterschiedlich aus. Die einen trauern um den liebenswerten Menschen und den großen Künstler, die anderen hinterfragen kritisch seine politische Stellung im „Dritten Reich“. Im späteren Nachkriegsdeutschland hat man ihm seine Widersprüchlichkeiten und Verstrickungen aber verziehen – vom „Volksschauspieler Heinrich George“ (Westdeutsche Allgemeine, 1955), dem „Stier mit gebrechlichem Herzen“ (Berliner Morgenpost, 1956), „Gigant der Schauspielkunst“ (Allgemeine Tageszeitung, 1956) ist Jahre nach seinem Tod in der Presse zu lesen. George wird 1953 von den deutschen und 1998 von den russischen Behörden rehabilitiert. Was künstlerisch in Erinnerung bleibt, sind seine großen Charakterrollen der Weimarer Zeit und seine weniger bekannten frühen Rollen in den Filmen Richard Eichbergs, die es heute neu zu entdecken gilt.

Bernd Schöneberg

Quellen:
Fricke, Kurt (2000): Spiel am Abgrund. Heinrich George. Eine politische Biografie. Halle.
Wedel, Michael (2007): Kolportage, Kitsch und Können. Das Kino des Richard Eichberg. Berlin.